Spanisch Deutsch Portugiesisch ---- Portugiesisch Portugiesisch Portugiesisch Portugiesisch Portugiesisch Portugiesisch Portugiesisch Portugiesisch
Francisco Fernández-Carvajal Hablar con Dios

JAHRESKREIS
14. WOCHE - SAMSTAG

18

REALISTISCH UND FURCHTLOS

Nachfolge ohne naive Illusionen.
Liebe zur Wahrheit beginnt bei uns selbst.
Wahrhaftigkeit und apostolisches Zeugnis.

I. Im heutigen Evangelium1 belehrt der Herr die Apostel über einen Aspekt der Nachfolge: Es geht um die Bereitschaft, Verfolgung, Widerspruch und Feindseligkeiten zu ertragen. Es klingt wie eine Aufforderung zum Realismus und zur Aufgabe naiver Illusionen. Der Herr will, daß die Seinen Bescheid wissen, wie die Welt sie sieht; sie sollen nicht glauben, ihnen werde es besser als ihrem Meister ergehen, denn der Jünger steht nicht über seinem Meister; deswegen hat er nicht Lob, sondern Widerspruch zu erwarten und soll darauf gefaßt sein, daß es ihm geht wie seinem Meister. Wer in seinen Dienst tritt, soll sich nicht wundern, daß es ihm geht wie seinem Herrn.

Die Lehre Christi stieß und stößt mit den Ansichten der Welt zusammen, mit ihren oberflächlichen Wertungen und Vorurteilen: Wenn man schon den Herrn des Hauses Beelzebul nennt, dann erst recht seine Hausgenossen. Warum sich wundern, daß ein Leben in Christi Nähe auch heute auf Unverständnis stoßen kann und Ablehnung hervorruft? Die Treue zu Christus ist Treue zu der Wahrheit, die er - die Wahrheit - verkündet. Das entschiedene Ja zu ihm kann Verleumdungen, üble Nachrede, Widerwärtigkeiten nach sich ziehen. Manchmal werden unsere Worte oder Taten bewußt oder unbewußt mißdeutet werden. Und doch sagt der Herr zu seinen Zeugen, damals wie heute: Fürchtet euch nicht vor ihnen! Mehr noch: er gibt seinen Jüngern den Auftrag, unbeirrbar die Wahrheit zu sagen: Was ich euch im Dunklen sage, davon redet am hellen Tag, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern.

Wir denken an die Zwölf, die der Herr im kleinen Kreis belehrt, an die bewegende Rede beim Letzten Abendmahl. Wir denken auch an die göttliche Pädagogik Jesu im Gespräch mit dem Volk, dem er das Geheimnis seiner Person und seiner Sendung allmählich eröffnet. Die Wahrheit über ihn und über den Menschen, die er gleichsam im Dunklen und ins Ohr sprach, sollen dann die Apostel - gestärkt durch den Heiligen Geist - am hellen Tag und von den Dächern verkünden.

Die Worte Jesu lassen keinen Raum für taktische Ausflüchte und strategische Überlegungen der Art, sich nicht zu sehr zu exponieren, um nur nicht aufzufallen oder ausgegrenzt zu werden. Wie also können Christen die Welt verändern, wenn sie sich verstecken? Der Herr handelt anders: »Ego palam locutus sum mundo: Ich habe offen vor aller Welt gesprochen, antwortet Jesus dem Kajaphas, als die Stunde naht, da er sein Leben für uns hingibt. Und dennoch gibt es Christen, die sich schämen, ihre Liebe zum Herrn >palam<, offen, zu zeigen.«2

In unserer pluralistischen Gesellschaft werden lebenswichtige Dinge in Frage gestellt: die Unauflöslichkeit der Ehe, die Weitergabe des Lebens, die Würde des Leibes, der Wert der Reinheit und der Ehelosigkeit um Christi willen. Das persönliche Engagement eines Christen für die Lehre der Kirche zu diesen Fragen ist nicht nur selbstverständliche Treue zu Christus, sondern auch Engagement für eine Sicht des Menschen, die in der Offenbarung gründet und seine Würde sichert.

Was ich euch im Dunklen sage, davon redet am hellen Tag. Wenn die Gläubigen »mit der Versuchung fertig werden, sich in Geschmack und Gewohnheit allzusehr der Welt anzupassen und dem Reiz billiger Zustimmung nachzugeben, dann sind sie in der Lage, durch das einzige Band der Liebe geeint, das das innere Leben der Kirche und ebenso ihr äußeres Erscheinungsbild gestalten muß, vor der Welt Zeugnis echten Glaubens abzulegen: >Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt< (1 Petr 3,15).«3

II. Es gibt im Evangelium4 eine bezeichnende Episode für den Umgang des Herrn mit solchen, die der Frage nach der Wahrheit ausweichen, weil sie sie als störend empfinden. Während Jesus im Tempel umherging, kamen die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten zu ihm und fragten ihn: Mit welchem Recht tust du das alles? Wer hat dir die Vollmacht gegeben, das zu tun? Eigentlich war es legitim, daß sie - als Führer des Volkes - eine solche Frage stellten. Aber sie stellen sie nicht, um zu wissen, sondern nur, um Jesus in die Enge zu treiben. Hätten sie aufrichtig gefragt, wäre der Herr auf ihre Frage eingegangen; nun aber will er sich nicht auf das unlautere Spiel einlassen und stellt eine Gegenfrage, die sie bloßstellen wird: Stammte die Taufe des Johannes vom Himmel oder von den Menschen? Wer weiß, wie sie wirklich über Johannes dachten! Hatte sich der eine oder andere Gedanken über den gemacht, der so hart mit ihnen ins Gericht ging und ihr Gewissen aufrütteln wollte? Wir wissen es nicht. Jetzt sind sie in eine Falle geraten. Sie können nicht vom Himmel antworten, denn sie haben ihm ja nicht geglaubt; und sie können auch nicht von den Menschen sagen, denn sie würden dann ihre Autorität beim Volk verlieren, da alle Johannes für einen Propheten hielten.

Aus ihrer ausweichenden Antwort entnehmen wir nur, daß sie - die religiösen Führer des Volkes - nicht die Wahrheit und die festen Grundsätze der Religion in die Mitte stellen, sondern die reine Zweckmäßigkeit. Das Wir wissen es nicht erweist sie als Opportunisten. Vor diesem Hintergrund versteht sich, weshalb der Herr eine Antwort verweigert: Dann sage ich euch auch nicht, mit welchem Recht ich das alles tue. Es ist, als sagte er ihnen: Wenn ihr nicht bereit seid, eure Vorurteile aufzugeben, aufrichtig in eure Herzen zu schauen und euch der Wahrheit zu stellen, ist ein Dialog sinnlos.

Jede echte Begegnung - mit Gott oder mit Menschen - erfordert die Bereitschaft zur Wahrheit. Sie beginnt bei uns selbst: man darf nicht das eigene Gewissen verdunkeln mit Vorurteilen. Viel weniger darf man sich in ein Nicht-wissen-wollen flüchten, um sich der Mühe zu entziehen, auf die Wahrheit zu reagieren. Gott schenkt uns seine Gnade, damit wir aufrichtig sind uns selbst und ihm gegenüber. Dann wird unser Leben eine klare Ausrichtung haben, mutig und gelassen. »In einem Wörterbuch fandest du die Synonyme für >unaufrichtig<: doppelzüngig, schlau, verstellt, arglistig... Du hast dann nicht weitergelesen, sondern an den Herrn die Bitte gerichtet, daß du niemals solche Bezeichnungen verdienen mögest. Und von neuem nahmst du dir vor, die Aufrichtigkeit - eine natürliche und eine übernatürliche Tugend zugleich - noch mehr zu vervollkommnen.«5

III. Die Tugend der Wahrhaftigkeit besteht darin, »daß man sich in seinen Handlungen als wahr erweist, in seinen Worten die Wahrheit sagt und sich vor Doppelzüngigkeit, Verstellung, Vortäuschung und Heuchelei hütet.«6 Diese Tugend gehört zu den Grundlagen des menschlichen Miteinander: »Die Beziehungen der Menschen zueinander, die Einrichtungen der Gesellschaft, die Ordnung des Staates, alles, was Gesittung heißt, und ebenso das Menschenwerk in seinen unzähligen Formen - alles ruht darauf, daß die Wahrheit in Geltung stehe.«7 Der heilige Thomas merkt an: »Die Menschen könnten nicht in Gemeinschaft miteinander leben, wenn sie sich nicht gegenseitig glaubten, als solche, die einander die Wahrheit offenbaren.«8

Wahrhhaftigkeit ist also eine Forderung der Menschenwürde. Viele Nichtchristen geben ein eindrucksvolles Beispiel dieser natürlichen Tugend. Aber für uns Christen erhält die Wahrhaftigkeit einen besonderen Glanz, weil nach der Menschwerdung das Leben in der Wahrheit ein Leben in Christus ist: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien.9

Christus ist mehr als wahrhaftig, er ist die Wahrheit selbst. Von da her begreifen wir besser, daß unsere Wahrhaftigkeit keine isolierte Tugend sein darf. Der Apostel Paulus erinnert an ihr Fundament, wenn er an die Christen in Ephesus schreibt: Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten10.

Dies mag im Alltagsleben nicht immer leicht sein. Manchmal kann sich unter angeblicher Liebe zur Wahrheit Rechthaberei, Hochmut, Eitelkeit verbergen. Es kann geschehen, daß einer »Dinge in Augenblicken sagt, in die sie nicht hineingehören; daß er andere verletzt oder ihnen schadet. Eine im falschen Augenblick oder in falscher Weise gesagte Wahrheit kann einen Menschen auch derart verwirren, daß er Mühe hat, wieder zurechtzukommen. Das wäre keine lebendige, sondern einseitige Wahrhaftigkeit; schadend, ja zerstörend. Gewiß gibt es Augenblicke, in denen man nicht nach rechts oder links zu blicken hat, sondern mit der blanken Wahrheit heraus muß. Für die Regel gilt aber, daß man im Zusammenhang des Daseins steht, und in diesem gibt es außer der Wahrheitsforderung auch noch die der Rücksicht auf den anderen Menschen. So muß das Sagen der Wahrheit, damit es seinen vollen menschlichen Wert bekomme, auch von Takt und Güte bestimmt sein. (...) Ein Freund hat einmal im Gespräch bemerkt: >Wahrhaftigkeit ist die subtilste aller Tugenden. Es gibt aber Leute, die handhaben sie wie einen Stock.«11

Wahrhaftigkeit ist eine unbedingte Voraussetzung für die Wirksamkeit des apostolischen Zeugnisses, das ja auf Integrität, Vertrauen, Freundschaft gründen muß. Es gibt heute viele Menschen, die aus Bequemlichkeit oder aus mehr oder weniger schuldhafter Unwissenheit in einer Haltung gleichgültiger Beliebigkeit verharren, die man »Pilatismus« genannt hat: »Sie ist eine Haltung des Denkens und Handelns, die nicht nur nicht mehr die überlieferte Wahrheit des Glaubens akzeptiert und festhält oder doch wenigstens ehrlich um sie ringt, sondern die der >Wahrheitsfrage< achselzuckend kaum noch Interesse entgegenbringt.«12 Unser Zeugnis der Wahrhaftigkeit in einer Zeit voller Zweideutigkeiten und Zweifel wendet sich gegen Lüge und Verstellung als selbstverständliche Praxis und macht uns zu glaubwürdigen Zeugen eines Gottes, »der die Wahrheit ist und sie will«13.

1 Mt 10,24-33. - 2 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 50. - 3 Johannes Paul I., Ansprache 27.8.1978. - 4 Mk 11,27-33. - 5 J. Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr. 337. - 6 Katechismus der Katholischen Kirche, 2468. - 7 R. Guardini, Tugenden, Mainz 1987, S. 20. - 8 Thomas von Aquin, Summa theologica, II-II, q.109, art.3, ad 1. - 9 Joh 8,31-32. 10 Eph 4,15. - 11 R. Guardini, a.a.O., S. 22-23. - 12 P. Berglar, Petrus - Vom Fischer zum Stellvertreter, München 1991, S. 192. - 13 Katechismus der Katholischen Kirche, 2464.

* Editions Wort (Inhaber von Urheberrechten) hat uns ermächtigt, tägliche Meditation auf bestimmte Benutzer zum persönlichen Gebrauch zu verbreiten, und wollen nicht ihre Verteilung durch Fotokopieren oder andere Formen der Distribution.